Okinawa-Te, der Ursprung des heutigen Karate

Okinawa, das als Ursprungsland des Karate gilt, liegt als größte Insel der Ryu-Kyu Inselgruppe ca. 500 Kilometer von der japanischen Insel Kyushu entfernt, und ungefähr 800 Kilometer vor Foochow, dem chinesischen Festland.
Die Insel, deren Bewohner hauptsächlich von Fischfang und Landwirtschaft, aber auch vom Handel mit den Nachbarländern lebten, war bis zum 15. Jahrhundert in drei Königreiche aufgeteilt. Diese Provinzen, Chuzan, Nanzan und Hokuzan, bekriegten sich heftig untereinander. Bereits vor der Vereinigung der drei Regionen, 1429 unter dem König von Chuzan, Sho Hashi, nahm die Insel aufgrund ihrer besonderen geografischen Lage einen hohen Stellenwert als Zentrum für den florierenden Handel mit den Nachbarländern China, Korea, Taiwan und Japan ein. Der damit verbundene Import kultureller und politischer Einflüsse trug auch zur Verbreitung regionaler Kampfkünste anderer asiatischer Länder in bestimmten Gebieten Okinawas bei.
Dieser Einfluss beschränkte sich zwar auf die wirtschaftlichen Zentren Shuri, Naha und Tomari, verhalf den unterschiedlichsten Kampfkünsten jedoch zu einem enormen Aufschwung.
Zu nennen sind hier die Kenntnis im Umgang mit Waffen, die durch japanische Flüchtlinge schon im 10. Jahrhundert nach Okinawa kam, wie der Umgang mit Pfeil und Bogen oder derjenige mit Schwertern (Katana und Tachi) sowie die Vielzahl von harten und weichen Stilen der chinesischen Kunst Chuan-Fa, das als Vorläufer des heutigen Kung-Fu gilt.

Davon, dass Te so etwas wie ein Volkssport gewesen sei, kann jedoch keine Rede sein. Es war die Kampfkunst weniger Eingeweihter. Ein direkter chinesischer Einfluss ergab sich durch eine Ansiedelung von 36 chinesischen Familien in der Nähe von Naha, die hier im Jahre 1392 eine kleine Siedlung mit Namen Kumemura gegründet hatten und von dort aus die Einwohner der Insel erstmals mit dem Zen-Buddhismus vertraut machten, indem sie ihre Religion und Philosophie lehrten. Es ist wahrscheinlich, dass sie die Entwicklung des Te in der Gegend von Naha beeinflussten. Das dort verbreitete Naha-Te (später Shorei-Ryu, Ryu = die Bezeichnung für Schule) gilt als inspiriert von der Tradition des Chuan-Fa. Es enthält dynamische Bewegungen und legt großen Wert auf die Atmung und schnelle Kraftentwicklung der Techniken. Andere Zentren des Te waren Tomari und Shuri (die hier entwickelten Stile wurden später auch Shorin-Ryu genannt). Chinesischer Einfluss zeigte sich hier an den atembetonten Techniken und runden Abwehrbewegungen des Shuri-Te. Tomari-Te enthielt beide Elemente und betonte flexible, schnelle Bewegungen.

Der starke japanische Einfluss seit der Besetzung der Insel durch den Clan von leshisa Shimazu im Jahre 1609, auch als Herrschaft der Satsuma-Dynastie bezeichnet, hatte zu beträchtlichen Repressionen gegenüber der Bevölkerung geführt: selbst zeremoniell eingesetzte Schwerter und die Bewaffnung der Staatsbediensteten wurden untersagt. Die Bevölkerung stand buchstäblich mit „leeren Händen" da.
Wechselnde Besetzungsmächte, Repressionen durch neue Herrscher und der Zwang, sich gegen oft lebensgefährdende Übergriffe zu wehren, hatten also den Aufschwung des Te und des Kobudo bewirkt. Dies geschah stets in kleinen Kreisen, die jeweils für sich ihr „System" so entwickelten, dass es ihren Verteidigungsbedürf-nissen entsprach. Die Effizienz der waffenlosen Selbstverteidigung führte dazu, dass die Japaner auch sie mit einem Verbot belegten.
Die Meister der verschiedenen Systeme konnten ihr Wissen daher nur im Geheimen weitergeben, was die Entwicklung eines einheitlichen „Okinawa-Stil" abermals verhinderte. Diesen Meistern wurde von der Bevölkerung großer Respekt entgegengegebracht. Manche gaben die Techniken als verschlüsselte Bewegungsabläufe weiter, die als Kata bezeichnet wurden. Die heute gebräuchliche Übersetzung des Begriffs Kata als „Form" gibt nur unzureichend wieder, dass das ständige Üben dieser Ablaufe bis zur Perfektion zwar auch der Verbesserung von Technik und Körperbeherrschung diente, im Ernstfall gegen bewaffnete Angreifer aber über Leben und Tod ' < Heiden konnte. Um die Wirkung ihrer Techniken zu verbessern, nutzten die Einwohner Okinawas verschiedene Hilfsmittel. Das Bekannteste ist das Makiwara, ein Schlagpolster, das an einem Holzpfosten befestigt wird. Notwendig zur Beherrschung des Te war die völlige Identifikation mit den praktizierten Techniken sowie i In- absolute Konzentration darauf, einen Aggressor mit dem ersten Schlag außer Gefecht zu setzen. Hatte man es doch oft mit schwer bewaffneten Samurai zu tun, ihr versuchten, ihre Kriegskassen auf Kosten der Landbevölkerung aufzufüllen.
Das Ende der Satsuma-Herrschaft im Jahre 1872 und die Reformen der Meiji-Regie-rung in Japan ab 1868 bewirkten eine Liberalisierung der gesamten japanischen Gesellschaft und brachten etliche Prinzipien der feudalistischen Klassengesellschaft zu Fall. Moderne Verkehrsmittel, der aufkommende weltweite Handel und damit verbunden der Kontakt mit anderen Kontinenten und deren Kulturen bewirkten eine Öffnung der japanischen Gesellschaft der restlichen Welt und ihren Werten gegenüber. Da Okinawa seit 1875 offiziell zu Japan gehörte, profitierte die Insel ebenfalls von dieser Öffnung. Und selbstverständlich auch das Okinawa-Te oderTang-Te, wie die waffenlose Kunst auf Okinawa in Anlehnung an die Tang-Dynastie (Tang = Chinesisch) genannt wurde. Ab dieser Zeit konnte Te offiziell praktiziert werden. Wichtig für das Verständnis des modernen Karate ist die Tatsache, dass die Japaner Okinawa damals zwar hinsichtlich seiner Verwaltung als Teil Japans ansahen, der Kultur Okinawas aber immer misstrauten, sie ablehnten oder als rückständig verachteten.
Ende des 19. Jahrhunderts konnte man nicht von einem einheitlichen Stil der Kampfkunst Te in Okinawa sprechen. Wie bereits beschrieben, entwickelte sich im Verlauf der Jahrhunderte eine große Vielzahl von Schulen und Stilrichtungen, von denen Naha-Te, Shuri-Te und Tomari-Te nur die bekanntesten waren. Im heutigen Sinne fällt es schwer, einige dieser Te-Formen überhaupt als Stilrichtungen zu bezeichnen, bestand das Repertoire ihrer Meister doch teilweise nur aus einer einzigen oder aus sehr wenigen Techniken. Von einem Meister wird berichtet, dass er sein ganzes Leben lang nur Stöße mit den Ellenbogen übte. Manchmal waren die Bauern oder Fischer, die diese Schläge oder Tritte praktizierten, sehr bekannt für diese eine Technik, die sie ihr ganzes Leben lang immer geübt hatten und die sie mit großer Perfektion und Effizienz beherrschten. Andere Meister hatten dagegen begonnen, komplette Systeme zu entwickeln.

Quelle: Shotokan Karate Technik-Training-Prüfung von Joachim Grupp
Verlag: www.m-m-sports.com