Die Weiterentwicklung des Shotokan durch Nakayama Masatoshi

Die Basis für diesen hohen Standard schuf die JKA noch unter FUNAKOSHI durch die wissenschaftliche Begründung der Karatetechniken und die Einführung von Wettkämpfen. Der Mann, den FUNAKOSHI damit betraute, war wiederum Masatoshi NAKAYAMA. Er trat nach FUNAKOSHIs Tod im Jahr 1957 sein Erbe an und wurde zum höchsten Funktionsträger der JKA ernannt. NAKAYAMA, der nach seinem Studium lange Zeit in China gelebt hatte und von dort neue Techniken, wie z.B. den Ura-Mawashi-Ceri mitgebracht hatte, genoss FUNAKOSHIs vollstes Vertrauen. Dieser hatte immer schon auch die weniger bekannten Stilarten studiert, um das Wesentliche in sein System einzubauen, wie etwa die ursprüngliche Coju Kata Hanget-su. NAKAYAMA hatte bereits in den 30er Jahren den Auftrag erhalten, die von Meister MABUNI gelehrten Kata Cojushiho und Nijushiho zu lernen und dem Shotokanstil anzupassen. Gemeinsam mit FUNAKOSHI setzte er also die Entwicklung des Systems zu einer ganzheitlichen Kampfkunst fort, die bald alle Facetten beinhaltete. Sowohl die leichten und schnellen Elemente des Shorin-Ryu wie auch die starken und atembetonten des Shorei-Ryu sind im Shotokan in fliehendem Maße enthalten.

Notwendigkeit der wissenschaftlichen Untermauerung des Shotokan Karate erkannten FUNAKOSHI und NAKAYAMA dann 1953, als sie die ersten US-Soldaten unterrichteten. NAKAYAMA berichteteüber die ungewöhnlichen Fragen der „Caijin" ,Warum", „Wie" und „Wieso" sie dies und jenes im Training machen sollten. Der japanische Trainigsalltag kannte solche Fragen nicht, stand hier das Üben „bis es klappt" im Vordergrund, nicht die Frage nach dem „Warum". Die auf den Traditionen FUNAKOSHIs beruhenden Buchveröffentlichungen der Instruktoren, die jetzt entstanden, insbesondere die Werke NAKAYAMAs, bildeten die Grundlagen, mit denen die Techniken des Stils medizinisch, anatomisch, physiologisch und psychologisch begründet wurden.

Gleichzeitig sollte der Wettkampf, wie in anderen Budodisziplinen auch, als publikumswirksamer Effekt für die weitere Akzeptanz des Karate eingeführt werden. Alle bedeutenden Karatestilrichtungen hatten bis 1950 das freie Kämpfen eingeführt. Die Schwierigkeit bestand jetzt darin, Regeln aufzustellen, wie sie im Judo, Kendo und anderen Disziplinen auch existierten. Die Idee, Wettkämpfe im Budosport durchzuführen, ist weder ein Spezifikum des Karate noch wurde sie erst durch die JKA erfunden. Judo, Kendo und andere Disziplinen waren in diesem Punkt dem Karate bereits weit voraus. Denn die Notwendigkeit, mit seiner Kunst im Ernstfall jemanden zu töten, um selbst zu überleben, wie das noch in der Zeit vor der Meiji-Regierung im 19. Jahrhundert häufig der Fall war, bestand nicht mehr.

Die JKA hatte nach einer längeren Findungsphase 1956 ein erstes Regelwerk zusammengestellt und führte 1957 die ersten Alljapanischen Meisterschaften durch. Die Schwierigkeit bei der Aufstellung von Wettkampfregeln bestand darin, die Vielzahl von gefährlichen Techniken, deren Kontrolle kaum oder gar nicht möglich ist, auszusortieren und Schutzausrüstungen sowie Wertungskriterien zu testen. Schutzausrüstungen wurden verworfen, weil sie die Bewegungsfreiheit einengen. Parallel zum Kumitewettkampf stellten die JKA-Verantwortlichen Regeln für den Vergleich in der Katadisziplin auf. Es gilt festzustellen: Die Idee des Wettkampfsystems folgt letztlich der Tradition FUNAKOSHIs, der daran interessiert war, seine Kampfkunst einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen.

Bereits lange bevor sich die Instruktoren der JKA Gedanken über ein Regelwerk machten, das einerseits den Grundsätzen des Karate entsprach, andererseits aber die Unversehrtheit des Gegners zum wesentlichen Ziel erhob, existierten „Vergleichskämpfe" zwischen einigen Schulen des Te. NAKAYAMA berichtet in einer auch als Buch veröffentlichten, biografischen Interviewserie mit dem amerikanischen Autor HASSELL davon, dass diese immer in blutigen Auseinandersetzungen endeten und einige Karateka mit schweren Verletzungen aus diesen „Vergleichen" hervorgingen. Im Nachkriegsjapan, dessen Bevölkerung genug von kriegerischen Auseinandersetzungen hatte, war es nun wichtig, ein sinnvolles und ausbaufähiges Regelwerk zu installieren, das sowohl den Anforderungen an die Tradition als auch an die maximale sportliche Herausforderung gerecht wurde. Insofern stellte gerade der sportliche Vergleich den letzten Baustein des modernen Karate dar.

Wichtig ist jedoch, dass FUNAKOSHI, wie auch sein Nachfolger NAKAYAMA, immer auf die Priorität von Grundschule und Kata hinwies und vor einer allein auf den Wettkampferfolg abzielenden Karateauffassung warnte. Aus heutiger Sicht kann dies bestätigt werden. Die Wettkampfzeit von ca. 10-15 Jahren ist die kürzeste Phase im Leben eines Karateka, der diese Kampfkunst als lebensbegleitenden Sport gewählt hat. Aber sie ist eine wichtige Erfahrung, die eine kleine Anzahl von heute schätzungsweise 5-10% aller Karateka sehr nahe an die Situation des Ernstfalls heranführt.

Das ist eine Grenzerfahrung, die zur Vervollkommnung des Charakters beitragen kann und sicherlich einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Fähigkeit leistet, sich in einer Selbstverteidigungssituation gelassener und konsequenter zu verhalten. Die Legende hält sich bis heute hartnäckig, FUNAKOSHI habe sowohl die Versportlichung als auch die JKA als Organisation abgelehnt, die den Sport als, einen Teil des Karate förderte. Er, der Reformer des modernen Karate, wusste genau,dass dieser Aspekt notwendig war, um Karate in Japan zur gleichberechtigten neben den anderen Budodisziplinen zu machen.

Wer heute eine „Versportlichung" beklagt und sie dem vermeintlich „Ursprünglichen“ gegenüberstellt, übersieht, dass heute nur eine Minderheit Karate auch als Wettkampfsport betreibt. Er muss sich zudem die Frage gefallen lassen, bis wohin seine Zeitrechnung zurückgeht. Wo ist das „ursprüngliche" Karate angesiedelt? Soll man sich bis vor das Jahr 1902 zurückorientieren, als Karate „Schulsport" wurde? Auch Karate konnte sich dem Fortschritt nicht entziehen und FUNAKOSHI war die treibende Kraft dieser Entwicklung. Er und seine Schüler haben ein System hervorgebracht mit dessen philosophischer und technischer Qualität sich das heutige Karate immer messen sollte, wenn es Reflektionen über sich anstellt.

FUNAKOSHI konnte die letzte Facette seiner ganzheitlichen Kampfkunst allerdings nicht mehr miterleben. Im Jahr des ersten Karatewettkampfes verstarb der Meister, der nach Berichten von Teruyuki OKAZAKI bis wenige Tage vor seinem Tod noch täglich im Zentraldojo der JKA unterrichtet hatte. Die einzige, jemals von ihm autorisierte Organisation, die JKA, setzte FUNAKOSHIs Mission, die Verbreitung seiner Kampfkunst, mit großem Erfolg unter der Leitung von Masatoshi NAKAYAMA fort.

 
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Nakayama Masatoshi